Von Glücksbringern, Placebos und Aberglauben

Der Tennisspieler Rafael Nadal soll ja ein Meister der Rituale sein. Er vollführt exzessive Handlungen, fast schon Zeremonien, die vom peniblen Platzieren seiner beiden Getränkeflaschen bis hin zu abgezählten Berührungen an T-Shirt, Schulter und Nase reichen, während er bei der Aufschlagvorbereitung den Ball x-mal aufprallen lässt. Es versteht sich fast von selbst, dass er es beim Seitenwechsel vermeidet, auf die Linien am Boden zu treten. Ihm helfen diese Rituale wohl, sein inneres Gleichgewicht zu finden und so seine Leistung zu steigern - und wenn es zusätzlich seine Gegner verunsichert, umso besser! Sind das nun Rituale oder schon Zwangshandlungen? Im Zusammenhang mit einem sportlichen Wettkampf auf höchstem Niveau sind wir eher geneigt, solche Schrullen faszinierend zu finden, wenn aber der Kassierer im Coop vor dem Einscannen unserer Waren fünfmal die Kasse öffnen und schliessen und sich dabei zehnmal an jedem Ohr zupfte, würden wir es wohl eher irritierend finden. Ein kleiner „Glücksbringer“, der als Symbol für positive, aufbauende Gedanken im Hosensack verstaut oder auf dem Schreibtisch platziert wird, ist demgegenüber deutlich weniger auffallend.

 

Wenn rituelle Handlungen ausser Kontrolle geraten und jemand der festen Überzeugung ist, dass zum vornherein alles zum Scheitern verurteilt ist, wenn die Etiketten der Getränkeflaschen nicht in dieselbe Richtung schauen, wird es schwierig. Wenn Menschen zwar wissen, wie übertrieben ihre repetitiven Handlungen sind, sie aber trotzdem ausführen müssen, weil sie mit den Risiken und Unsicherheiten des Lebens nicht anders umgehen können, kann es sich dabei um eine ernstzunehmende Störung handeln. Wie so oft ist es eine Frage von Mass und Leidensdruck. Vor dem Verlassen des Hauses noch einmal zu kontrollieren, ob ein Elektrogerät ausgeschaltet sind, kennen wohl viele Menschen und das ist eine durchaus vernünftige Vorsichtsmassnahme. Wenn man aber vor lauter zwanghaften Kontrollhandlungen das Haus fast nicht mehr verlassen kann, ist es überhaupt nicht mehr lustig. Leichte Zwangshandlungen kenne ich aus eigener Erfahrung. Das berühmte „den Herd kontrollieren“ habe ich in meinen jüngeren Jahren vor dem Verlassen des Hauses und dem Schlafengehen sicher jeweils dreimal machen „müssen“. Ich finde diese Überprüfung mit den digital zu bedienenden Kochfeldern übrigens deutlich einfacher, bin aber froh, dass ich diese Kontrollhandlungen nicht mehr brauche ;-) Das auch sehr verbreitete „nicht auf die Gehweg-Fugen treten“ soll übrigens ein verirrter Urinstinkt sein und einen evolutionären Sinn haben. Auf natürlicherweise vorkommende Risse in der Erde oder im Eis zu treten, kann nämlich potentiell lebensgefährlich sein, wenn dadurch ein Abhang ins Rutschen gerät oder man im Eis einbricht. Deshalb sei diese Marotte mehr als ein zufälliger Aberglaube, auch wenn diese Gefahren in unserem Alltag keine grosse Rolle mehr spielen. (Und meinen leichten Ordnungszwang lassen wir an dieser Stelle mal aus dem Spiel.)

 

Richtig eingesetzt können sowohl Rituale als auch mit Symbolkraft verbundene Gegenstände dabei helfen, zur Ruhe zu kommen, das innere Gleichgewicht zu finden und Konzentration und Selbstsicherheit zu stärken. Wenn wir daran glauben, dass etwas funktioniert, kann das höchst effektiv sein! Es kann nicht nur beim Sport die Leistung verbessern und deckt sich in gewisser Weise mit dem Placeboeffekt, der Gesundheit und Heilung positiv beeinflussen kann.  

 

In Schullagern werden manchmal „Smarties“ oder eine ähnliche Süssigkeit als „Heimwehpille“ bei Kindern eingesetzt, welche unter Trennungsschmerz leiden und ihr Zuhause vermissen. Kombiniert mit einer verständnisvollen Haltung und ein paar liebevollen Worten der Betreuungsperson kann diese „Medizin“ bei den Kindern viel Gutes bewirken. Das Beispiel illustriert aber auch, was wir gemeinhin mit dem Begriff „Placebo“ verbinden. Dass das Einnehmen eines Zuckerkügelchens zu einer Verbesserung des Wohlbefindens führt, hat doch irgendwie etwas mit Naivität zu tun, oder? Tatsächlich sind Placeboeffekte sehr viel komplexer und vielseitiger, als wir vielleicht denken und haben auch nichts mit Intelligenz oder (Nicht-)Wissen zu tun! Der Placebo-Effekt bezeichnet die positive Wirkung einer Scheinbehandlung. Diese Verbesserungen können sowohl unser subjektives Wohlbefinden, als auch objektiv messbare Körperfunktionen betreffen und der Effekt ist durchaus übertragbar. Wenden wir uns erstmal den erfreulichen Seiten zu. Es ist doch toll, wenn ein Medikament, das keinen Wirkstoff enthält, eine heilende oder lindernde Wirkung hat, oder etwa nicht? Dem stimme ich grundsätzlich zu und der wirkliche Clou ist ja, dass der überwiegend begrüssenswerte Placeboeffekt nicht nur bei Scheinmedikamenten, sondern auch bei echten Medikamenten auftritt! Bei der Entstehung von Placeboeffekten spielen viele Faktoren eine Rolle. In welchem Kontext ein Medikament gegeben oder eine Behandlung besprochen werden, kann viel ausmachen. Es ist ein Unterschied, ob uns nach einem einfühlsamen zweistündigen Gespräch ein individuelles Mittel mit den besten Wünschen ans Herz gelegt wird, oder ob wir nach einer schroffen fünfminütigen Konsultation zwischen Tür und Angel ein Medikament in die Hand gedrückt erhalten. Wie sehr wir von einer Behandlung angetan sind und was wir von ihr erwarten, hat immer einen Einfluss. Gut erforscht ist der Placeboeffekt bei Schmerzen und zeigt sich da in seiner ganzen Vielseitigkeit. Schon der Gedanke „ jetzt verliert der Schmerz dann seine Schärfe und lässt ein bisschen nach“, hilft beim Loslassen und der (Muskel-)Entspannung, das kenne ich aus eigener Erfahrung gut. Aber nicht nur die psychologischen Aspekte sind interessant, sondern auch, was in unserem Gehirn passiert. Von der Ausschüttung von körpereigenen Schmerzmitteln, über die Abschwächung von Reizen bis zur Aktivierung des Belohnungssystems können sich da erstaunliche Sachen abspielen. Der Placeboeffekt ist also nichts Negatives und auch kein Zaubertrick, der seine Magie verliert, sobald man ihn kennt! Fast unnötig zu erwähnen, dass Placeboeffekte ihre Grenzen haben und auch nicht überschätzt werden dürfen, weil Verbesserungen häufig einfach dem normalen Verlauf entsprechen. Unsere Selbstheilungskräfte müssen bei Blinddarmentzündungen, Schlaganfällen, schweren Infektionskrankheiten und vielem mehr kapitulieren - einfache Erkältungen aber gehen in der Regel so oder so wieder vorbei. 

 

Weniger bekannt ist der „Nocebo-Effekt“. Er wird auch „der böse Bruder des Placebo“ genannt und bezeichnet die negativen Folgen einer Scheinbehandlung. Wenn wir wissen, welche möglichen negativen Auswirkungen eine Therapie haben kann, können diese auch eintreffen, wenn wir in Tat und Wahrheit gar keinen Wirkstoff erhalten. Zum Beispiel entwickelt bei einer Medikamentenstudie immer auch ein Prozentsatz der Personen, die nur eine Kochsalzlösung gespritzt oder Zuckerpille verabreicht erhielten, die selben Nebenwirkungen, die bei dem wirklichen Medikament auftreten können. Und je mehr wir wissen, welche Nebenwirkungen auftreten können, umso eher scheinen sie tatsächlich einzutreten. Das führt uns dann schnell zu der Frage, ob wir den Beipackzettel eines Medikamentes von A-Z lesen sollen! Ein Dilemma, nicht wahr, denn schliesslich wollen wir umfassend informiert sein, aber auch keine Nebenwirkungen „heraufbeschwören“. Auch für den Arzt oder die Ärztin eine schwierige Situation, sie sind zur Aufklärung verpflichtet, es kann aber auch kontraproduktiv sein, jede sehr seltene Nebenwirkung im Detail zu besprechen. Ich schwanke manchmal auch zwischen dem realistischen „Wissen-wollen“ und dem Wunsch, nicht den Teufel an die Wand zu malen. Als ich mich zusammen mit meiner (tollen!) Neurologin für ein MS-Medikament entschieden habe, hat sie bei dem Gespräch erwähnt, dass bei einer ihrer Patientinnen bei diesem Medikament die sehr seltene und unerwartete Nebenwirkung des totalen Haarausfalls eingetreten sei. Die Haare wären nach einer gewissen Zeit nachgewachsen, wenn auch in lockiger Form, während sie vorher glatt gewesen seien. Ich habe noch darüber gescherzt, dass es bei mir ja vielleicht umgekehrt wäre und dass ich zur Abwechslung gerne einmal glatte Haare hätte. Meine Ärztin hatte das eher als Anekdote erwähnt und damit sagen wollen, dass ich eventuell ein bisschen durchhalten müsse, wenn anfangs gewisse Nebenwirkungen auftreten sollten. Das war ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite war ich froh, dass ich es wusste und mich darauf vorbereiten konnte, auf der anderen Seite dauerte es seine Zeit, bis das Bild wieder aus meinem Kopf verschwunden war. So nach dem Motto „nur nicht daran denken, dass ich kahl werden könnte, sonst trifft es sicher ein“ ;-) Und wie Sie wissen, funktioniert das in etwa genau so gut wie wenn man jemanden aufträgt, jetzt auf keinen Fall an einen rosa Elefanten zu denken!

 

Und wie halte ich es so mit Aberglauben und Glücksbringern? Selbstverständlich bin ich überzeugt, dass ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt :-) Und ich denke, dass ein „Glücksgegenstand“ oder Ritual bei Präsentationen, Prüfungen und anderen nervenaufreibenden Situationen durchaus unterstützend wirken können. Weil sie helfen, sich zu entspannen und das Wissen und die Fähigkeiten verkörpern, die man in solchen Situationen verloren glaubt. Wie so viele Mitmenschen spielen mein Ehemann und ich beim Lotto immer unsere gleichen „magischen“ Zahlen, obwohl wir noch nie eine substanzielle Summe gewonnen haben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, merke ich auch, dass ich gewisse Sachen automatisch verinnerlicht habe. Wir wissen schliesslich alle, dass es Unglück bringt, jemanden vorzeitig zum Geburtstag zu gratulieren, nicht wahr - und klopfen auf Holz, um das Glück, das wir gerade haben, zu besiegeln und zu festigen! Da sind wir wohl alle nicht ganz rational und ein bisschen „Aberglaube“ ist ja nicht schlimm.

Aber verbinde ich meine positive Erwartungshaltung lieber mit tatsächlich vorhandenen (chemischen oder pflanzlichen) Wirkstoffen und mit erwiesenermassen wirksamen Entspannungstechniken als mit einer Zuckerkügelchen-Scheinbehandlung? Ja, natürlich! 

 

Erklärungen / Literaturhinweise:

„Placebo“ bedeutet im Lateinischen „Ich werde gefallen“, „Nocebo“ steht für „Ich werde schaden“.

Archiv Ärzteblatt - Die dunkle Seite der menschlichen Einbildungskraft 

„Was wirklich wirkt: Kompass durch die Welt der sanften Medizin“ von Dr. med. Natalie Grams 


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Kommentare: 3
  • #1

    Nelli (Freitag, 22 Oktober 2021 14:35)

    Sehr interessanter Artikel!

  • #2

    Bloch Elisabeth (Freitag, 22 Oktober 2021 18:03)

    Wieder sehr interessant und gut geschrieben!
    Ja, auch ich hab so meine „Mödeli“ und sie werden nicht weniger im Alter.
    Rituale liebe ich, sie geben mir Halt, Geborgenheit und auch Sicherheit.
    Lieber Gruss

  • #3

    Patricia (Freitag, 22 Oktober 2021 19:19)

    Herzlichen Dank Euch beiden :-)