Unsichtbar

Ich vermute, dass die Bemerkung in den allermeisten Fällen überhaupt nicht böse gemeint ist. „Du siehst aber gut aus!“ tönt ja schliesslich nach einem Kompliment, oder etwa nicht? Bei „Man sieht Dir aber gar nichts an!“ bin ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. Wenn ich im Alltag ohne meinen Stock unterwegs bin, merkt man nicht, dass ich MS (Multiple Sklerose) habe. Es fällt kaum auf, wenn ich Nacken und Schultern lockere, mir den Arm reibe oder mein Glas mit beiden Händen ergreife. Vielleicht würde ein aufmerksamer Beobachter bemerken, dass mein Gangbild manchmal leicht schwankend ist, aber er würde wohl kaum den wahren Grund - schiere Erschöpfung - erraten. Eher noch würde man vielleicht vermuten, dass ich die „Happy Hour“ vorgezogen hätte. Ich bin froh, dass meine Einschränkungen nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Wenn jemand auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen ist, ist der Fall klar, man gilt als „behindert“. Natürlich wünsche ich mir das nicht, aber unsichtbare Krankheiten bergen auch so ihre Herausforderungen. 

Und wenn man sich dann noch Mühe mit seinem Aussehen gibt, ist es für Aussenstehende vielleicht noch schwieriger nachzuvollziehen. Mit chronischen Schmerzen schick angezogen? Trotz lähmender Müdigkeit dezent geschminkt? High Heels, grad zum Trotz, und weil das Gehen in Turnschuhen auch nicht weniger ermüdend ist? Okay, in Zeiten des Shutdowns laufe ich zuhause auch nicht dauernd im eleganten Outfit herum, aber es ist mir wichtig, schön gepflegt zu sein und ich fühle mich damit gleich etwas besser. Wenigstens leicht aufgehübscht zu sein, auch wenn ich schon wieder eine Pause brauche, nachdem ich früh aufgestanden, mit meinem Ehemann einen Morgentee getrunken und Instagram gecheckt habe. „Geputzt und gestrählt“ zu sein, gibt mir das Gefühl, schon etwas geschafft zu haben, auch wenn ich vielleicht nicht gerade vor Energie sprühe! Bereit für den Tag zu sein, das ist mir den Aufwand wert. Bevor ich mich vordergründig für eine Meditation auf dem Sofa einrichte und prompt dem überwältigenden Bedürfnis nach einem Powernap nachgebe. („Powernap“ tönt doch deutlich dynamischer als „Nickerchen“, auch wenn sich danach die „Power“ immer noch in Grenzen hält ;-))

Weil ich mich mit meinen eigenen Unsicherheiten und Werten auseinandersetze, kann ich oben genannte Kommentare inzwischen gelassen und mit Humor nehmen! Je nach Verfassung überlege ich mir manchmal zwar eine sarkastische Antwort: „Tut mir leid, dass ich Deine Erwartungen nicht erfülle und nicht so aussehe, wie es sich für eine anständige Kranke gehört!“ 

Es ist nicht immer alles so, wie es an der Oberfläche erscheint, auch wenn diese gut gestylt daherkommt.